Peter Sloterdijk- philosopher

"A joyous moment in the history of visibility:
the invisible, the atmospheric, has come so far
that pictures are now dedicated to it. "
(links for Peter Sloterdijk)

Tim Otto Roth im Gespräch mit Peter Sloterdijk

Bild und Anblick
Versuch über atmosphärisches Sehen

Herr Sloterdijk, ich möchte im folgenden auf Ihre Erfahrungen im Umgang mit Bildern zu sprechen kommen. Darüber hinaus will ich mit Ihnen auch einen Exkurs in Sachen „Imachination“ unternehmen. Lassen Sie uns gemeinsam spekulieren über mögliche sphärologische Implikationen des Zusammenspiels von menschlicher Imagination und Maschine.

Was spielen Bilder für eine Rolle in Ihrem beruflichen Umfeld?


thinking relies on images, metaphors and figures

Nun, man kann die Philosophen einteilen in solche, die sich an der Austreibung der Bilder aus dem Denken beteiligen, und solche, die meinen, das Denken als solches sei auf Bilder, Metaphern und Figuren angewiesen. Es liegt auf der Hand, daß ich mich zu der zweiten Gruppe zähle, obschon diese im akademischen Betrieb bisher nur eine minoritäre, teilweise mißachtete Position innehatte. Dabei wird oft vergessen, daß die Stiftung des allgemeinen Bild-Begriffs, ob als Ikone, ob als Eidos, ins Feld der frühen Philosophie gehört. Es sind die Philosophen, die für sich reklamieren dürften, die originären Bildtheoretiker gewesen zu sein, sofern sie die Bilder als Bilder überhaupt entdeckt und ernst genommen haben.

Um dies verständlich zu machen, muß man sich einen selten bedachten Sachverhalt ins Gedächtnis rufen: Bevor die Philosophie entstand, herrschte bei den Griechen wie überall sonst eine Sehweise vor, die dem Absolutismus der natürlichen Anblicke unterworfen war. Das Auge schaut in die Umstände hinaus, wenn man so unbesorgt formulieren darf, und findet ein holistisch verfaßtes Kontinuum von visuellen Anwesenheiten vor. Die Summen dieser Präsenzen werden nicht als isolierbare Bilder wahrgenommen, sondern als Aspekte des „Umstands“ oder der „Umgebung“ im ganzen, dafür sagt man traditionell Natur oder neudings Umwelt. Dieser Umgebungsganzheit rückt nun die Philosophie, immer im Bündnis mit den ersten Wissenschaften, Geometrie, Arithmetik, Semantik, analytisch zuleibe. Die Philosophen können wirklich für sich in Anspruch nehmen, daß sie die Ersten waren, die so etwas wie einen Sucher entwickelt haben, mit dem man in das holistisch strukturierte Kontinuum der sichtbaren Umstände Ausschnitte hineinprojizieren konnte. Wenn Sie so wollen, haben die Philosophen eidetische Stanzmaschinen erfunden, mit denen man aus dem flächig ausgebreiteten Teig des Anwesenden Formen aussticht und dabei definitorische Erklärungen abgibt: Dies ist der Umriß eines Pferdes; dies ist der Umriß eines Menschen; dies ist der Umriß eines Sterns; dies ist der Umriß eines gerechten Mannes. Die Urbilderseherei wird in der Philosophie zu sich gebracht. „Bild“ meint hier noch nicht einen Weltausschnitt in einem Rahmen, sondern der Umriß einer Sache, die sich dank ihrer Konturen quasi selber den Rahmen gibt. Es ist natürlich kein bloßer Zufall, wenn schon auf der sprachlichen Ebene die von Platon entdeckten „Ideen“ eng verwandt sind mit dem griechischen Wort für die konkreten Anblicke, das heißt die Umrisse von specieshaft definierten Wesenheiten, alias eidoi. Darum sprechen wir ja von „Ideen“ und eidetischen Konstanten. Das Wort Eidos meint eine stabilisierte Anblickserwartung hinsichtlich einer Sache. Das eidetische Ur- und Umrißbild entspricht der Ausstechform, mit der man die wiedererkennbaren Gestalten aus dem Realen heraussticht.


In the history of visibilities Plato can be identified as the originator of the principle of picture.

Platon ist somit in der Geschichte der Sichtbarkeiten insgesamt als der Urvater des Prinzips Bild zu identifizieren. Hinter Platons Entdeckung steckt im übrigen eine Erfahrung, die die Griechen anderen Völkern ihrer Zeit voraus hatten – die Erfahrung der alphabetischen Schrift, das heißt eines graphischen Bildes, das einen Hinweis auf eine phonetische Realität vermittelt. Wer Schriften lesen kann, trainiert das Vermögen, aus der Fülle des Unähnlichen Ähnlichkeiten herauszulesen. Schreiben wir den Namen einer Sache hin, so sieht der Name der bezeichneten Sache natürlich in keiner Weise ähnlich. Der Name der Sache ruft aber die Idee der Sache herauf, die der Sache ähnlich sieht. So erweist sich Schrift als ein Tool, um via Lautdarstellungen Ideen zu visualisieren. In diesem Sinn hat die Praxis des Schreibens die Philosophie erst eigentlich ermöglicht. Durch sie kommt die folgenreichste Innovation der europäischen Geistesgeschichte auf den Weg: Die griechische Kursivschrift, die die Vokale mit anschreibt, erlaubt erstmals ein nahezu kontextfreies Verstehen von Texten. So entsteht der Leser, der mit einem Buch allein zurechtkommt – eine revolutionäre Figur. Ihm folgen der Forscher, der Historiker, der Autodidakt. Durch Lesekultur entwickelt sich ein mentales Bildermachen, das sich im Laufe der Jahrhunderte mit dem visuellen und realen Bildermachen verbindet – vor allem in den künstlerischen Berufen. In diesem Sinn gehören Denker, Schreiber und Zeichner zusammen.

In Ihrer Sphärentrilogie rekurrieren Sie auf ein Bild, das bereits in der Antike geprägt wurde: das der Sphäre. In allen drei Teilen des Werkes Blasen, Globen und Schäume beschreiben Sie den Menschen als atmosphärisch sensibles zoon politicon, dessen In-der-Welt-Sein steht und fällt mit der Bemühung, in etwas Abgerundeten zu wohnen.
Für ein philosophisches Projekt ist Ihr dreiteiliges Werk bemerkenswert reich bebildert. Die Abbildungen, die Sie verwenden, sind zum Teil mimetischer oder illustrativer Natur. Die Mehrheit der Bilder sind jedoch nicht direkt im Text verankert. Was für eine Funktion haben Bilder in Ihrer Trilogie?



By its interoperability the computer screen radically differs from the white book page.

Die Bilder werden in diesem Buch in der Regel nicht als Illustrationen eingesetzt, sondern als autonome visuelle Präsenzen. Es gibt naturgemäß auch Fälle, in denen sie nur als Belege oder Beispiele fungieren, vor allem im zweiten Band. Wenn ich dort von Globen und Makrosphären spreche, liegt es nahe, solche Objekte zu zeigen. Dann ist die Resonanz zwischen Bild und Text sehr eng und figurativ, die Spannung zwischen den beiden Ebenen tendiert in solchen Fällen gegen Null.
Üblicherweise jedoch sind die Bilder, die ich ausgewählt habe, nicht einfache optische Zusätze zum geschriebenen Text. Wo sie so wirken, wie ich sie intendiere, sind sie überwiegend evokativer Natur. Was diese Bilder hervorrufen, sind nicht Verdoppelungen des Textinhaltes, sondern eigensinnige Erweiterungen desselben ins Imaginäre. Die Bilderserien in meinen Büchern drücken den Sachverhalt aus, daß der gesamte Text bei mir nicht mehr auf der traditionellen weißen Seite des alteuropäischen Buches geschrieben steht – selbst wenn es nach wie vor so aussieht, als sei das Sphärenbuch ein Buch wie alle Bücher bisher. Das wäre ein Trugschluß. Es könnte scheinen, als würde ich mich wie ein herkömmlicher Autor mit der Monologik des Philosophiediskurses zu begnügen. Solche Monologe stehen schwarz auf weiß. Das Weiß der Buchseite in den Sphären zitiert jedoch schon das Grau des Monitors. Ich behaupte, daß der Monitor radikal verschieden ist von der guten alten weißen Buchseite – vor allem durch seine erweiterte Operabilität, die nie bei dem stehenbleibt, was hingeschrieben ist. Die gedruckte Buchseite zitiert immer irgendwie noch die in Stein gehauenen Inschriften der alten Monumentalschriften. Die römische Antiqua, die den Prototypus der europäischen Buchdruckkultur geliefert hat, ist eine elegant gemachte Monumentalschrift. Hierdurch war sie besonders für den Transport der WAHRHEIT geeignet. Das alles ändert sich in dem Moment, in dem man in den monitorialen Raum übergeht. Jeder durchschnittliche Computer bietet heute ein Schrifttypenprogramm, so breit, daß der Verfasser es Zeit seines Leben nicht ausschöpfen wird. Dadurch verwandelt sich der Autor in einen Graphikdesigner, der sein eigenes skriptuales Erscheinungsbild hervorbringen muß. Die Schrift selbst wird Medium von Mode und damit zur Entscheidungssache ihres Benutzers. Wir benutzen jetzt nicht mehr nur die alteuropäische, elegant gemachte Monumentalschrift zur Darstellung der Wahrheit. Durch die Vorgaben der neuen Technik sind wir zu einer neuen Art von Freiheit verdammt. Freiheit des Autors heißt heute Graphikdesign in eigener Sache.
In demselben monitorialen Raum verändert sich auch das Verhältnis von Text und Fußnote, von Text und Zitat, von Text und Bild. Die Art und Weise, wie ich die Bilder in den Text einbaue, bringt zum Ausdruck, daß ich bereits in diesem elektronischen, weißen Kubus arbeite, der als flacher Bildschirm vor mir steht.
Daher ist die Komposition von Sphären eher mit einer Installation zu vergleichen. Die Bilder stehen in in dem Buch wie Schaustücke in einer Installation. Weil sie gegenüber dem Text in der Regel etwas verrückt sind, geht von ihnen eine leichte trance-induzierende Wirkung aus. Sie sprechen das Gehirn des Lesers auf einer anderen Wellenlänge an als der Text.

Was das Monitoriale anbelangt, so sind mir auf der bildlichen Ebene in ihrem ersten Band „Blasen“ gleich das zweite und dritte Bild aufgefallen. Diese Aufnahmen von der Sonnenoberfläche bzw. einer Galaxie der astronomischen Forschungssatelliten SOHO und Hubble bilden ein mediales Kontrastprogramm zu den anderen Abbildungen. Sehen Sie einen Unterschied zwischen diesen digitalen Aufnahmen und den anderen eher klassischen Bildbeispielen wie Zeichnungen, Gemälden, Photographien oder Aufnahmen von archäologischen Objekten?

The hermeneutic apparatus connected with the eyes discriminates between digital and classical images.

Sogar einen sehr großen, obschon das Auge diesen Unterschied zunächst nicht machen kann. Der hermeneutische Apparat jedoch, der mit dem Auge verbunden ist, stellt den Unterschied ohne Mühe fest. Denn, wie ich vorhin andeuten wollte, machen die Bilder als Bilder nur eine Teilmenge in der Geschichte und Menge des Sichtbaren aus. Das Sichtbare – das Reich der Anblicke – ist für sich genommen ein unermeßliches Reservoir, das als Überraschungsraum für Seh-Akte strukturiert ist. Was auch immer ich als visuelles Wesen tue, ich navigiere in diesem Raum. Nehmen wir an, ich bin ein Urmensch und blicke an den Horizont: Eben war der Leopard noch nicht da, doch dann steht er vor mir: seine Gegenwart verwandelt den Sinn meiner Situation. Ich bin wohl von Natur aus so organisiert, daß mir die Anwesenheit des Leoparden nicht gleichgültig sein kann. Mein existentieller Stress beweist mir das unmißverständlich. Die Leopardenpräsenz bedeutet für mich das Sichtbarwerden eines vorher Unsichtbaren. Worauf es ankommt, ist, daß im aktuellen Fall die neue Sichtbarkeit etwas ist, das sich von sich her zeigt und mich zum Reagieren drängt. Der Anblick des präsenten Leoparden bedeutet Alarm. Sähe ich hingegen nur sein Bild, würde das die Entwarnung signalisieren – es würde mir sogar suggerieren, der Leopard sei durch mich selbst manipulierbar.

Artists and scientists are allied in the major offensive against the concealment. You could say, that we live in a kind of pit mining new visibilities.

Die Sehverhältnisse der Moderne sind völlig anders strukturiert als in einer Welt, in der Leoparden am Lager auftauchen. Sie hängen in erster Linie von einem Großereignis namens Forschung ab. Was das bedeutet, hat vor allem der spätere Heidegger deutlich gemacht. Forschung ist eine Maßnahme zur organisierten Wegarbeitung des Verborgenen – was ja nichts anderes besagt, als daß Dinge, die bisher nicht in der Sichtbarkeit lagen, zur Sichtbarkeit befördert werden, und dies mehr oder weniger gewaltsam. Künstler und Naturwissenschaftler sind Alliierte in dem Großangriff gegen die Verborgenheit. Man könnte sagen, wir leben wir in einer Art Bergwerk, in dem die Förderung von neuen Sichtbarkeiten betrieben wird. Die profanen Kohlengruben wurden in Deutschland in den letzten Jahrzehnten wegen Unrentabilität aufgegeben, aber die Bergwerke, die das „Gebirg des Seins“, die lethe, die Verborgenheit ausbeuten, arbeiten mehr denn je auf Hochbetrieb. Ihre Förderungen gehen über alles bisher Gekannte hinaus. Denken Sie an die neuen Bilder der Erde vom Weltraum aus, aufgenommen von Kameras an Bord entsprechender Satelliten: Sie liefern einen der populärsten und spektakulärsten Beiträge zum Angriff der Forschung auf das Verborgene. Paradoxerweise war ja die Erde als ganze vor der Moderne der Inbegriff eines verhüllten Objekts – sie war das Zugrundeliegende, das kein natürlicher Blick umfassen konnte. Heute scheint sie die geheimnisloseste Sache überhaupt zu sein.


The Hubble Space Telescope as a part of the major offensive against the concealment.

Wenn ich Ihren Ausdruck Imachination richtig verstehe, weist dieses Hybridwort darauf hin, daß und wie die Maschinenoptik unsere Sehverhältnisse umwälzt. Sobald man den Begriff Umwälzung oder Revolution beiseite gesetzt hat, (weil er eine Fehlbezeichnung für einen Vorgang ist, den man viel technischer und genauer fassen müßte), drängt sich ein alternativer Ausdruck für das Grundgeschehen unserer Epoche auf, nämlich Entfaltung. Es genügt, diese Metapher buchstäblich zu nehmen, um der Sache auf den Grund zu kommen. Etwas bisher Verborgenes, Insichverschlossenes, Eingefaltetes, Unbeleuchtetes wird so zerlegt und manipuliert, daß es eine vergrößere Fläche bildet – man faltet das Zusammengefaltete auseinander und bringt dabei die bisherigen Innenseiten der Falten in die Oberfläche, bis das Licht auf sie fällt. Mit dieser formalen Darstellung des Procedere von Sichtbarmachung überhaupt rührt man an den modus operandi von Aufklärung im allgemeinen. Aufklärer negieren die konventionellen Grenzen zwischen hellen Oberflächen und dunklen Innenräumen und ziehen bisher Verborgenes ans Licht. Daher sage ich, wir leben nicht so sehr in einer Umwälzung als in einer Ausfaltung. In meinem Sphärenbuch habe ich sogar den Vorschlag gemacht, den Begriff Revolution fallen zu lassen und ihn durch Explikation zu ersetzen. Das Umwälzen ist eher eine episodische politische Geste, die in gewissen Situationen wichtig wird, wenn es zum Beispiel darauf ankommt, repressive Geheimniskrämer aus dem Weg zu räumen – Monarchen und andere Manipulateure des Arkanums. In ihnen sieht man mit einigem Recht Figuren, sich der Grundarbeit der Moderne in den Weg stellen, die eben darin besteht, die Dinge immer weiter zu explizieren.

Bezüglich dieser Ausfaltung hege ich eine Vermutung. Sie beschreiben den Ausspruch der Maschinisten über den menschlichen Körper: «Voilà une machine bien éclairée » (La Mettrie) auf doppelte Weise, einerseits als Befreiungsschlag und andererseits als Sphärenverlust. Müssen wir nicht inzwischen feststellen, daß der Körper nicht zuletzt aufgrund der durch die Genomik entdeckten Komplexität auf der untersten zellulären Ebene nach wie vor eine recht dunkle Maschine bleibt?

Das ist die Ironie der Forschung – indem sie Komplexität entdeckt, erzeugt sie eine zweite Dunkelheit. Vielleicht gibt es ein Gesetz, wonach die Rätselmasse konstant bleibt.

Würden Sie nicht sagen, daß durch diese Rätselhaftigkeit für das menschliche Selbstverständnis wieder eine Art von sphärischer Qualität entsteht?


Teatro Anatomico/Bologna

All the contributions making the invisible visible have begun with the penetrations of the inner body by the early anatomists and with the setting of the sails by the European captains and geographers.

Man kann das so sehen. Die euphorische Aufdeckungsbewegung, die von den Anatomen des 16. Jahrhunderts bis zu den Physikern und Mechanikern des 19. und 20. Jahrhunderts reicht, verfolgte, wie bemerkt, das Ziel, alles Mögliche sichtbar zu machen, was man früher nicht gesehen hat – bis hin zu den Schallschwingungen, die man im 19. Jahrhundert mittels schwerfälliger Phonographen auf Kohlepapieren mit Hilfe eines Schwanenfederkiels sichtbar machte. An der Schwelle zum 20. Jahrhundert kamen die Röntgenstrahlen hinzu, die dem Willen zur Transparenz ein fabelhaftes Werkzeug an die Hand gaben. Zuletzt hat man die Bahnen von Atomen in der Nebelkammer visualisiert – und diese Art von Forschung geht weiter.
All diese Beiträge zur Sichtbarmachung des bisher Unsichtbaren beginnen der Sache nach mit dem Eindringen der frühen Anatomen ins menschliche Körperinnere und mit der Ausfahrt der europäischen Kapitäne und Geographen auf die Weltmeere. Man muß verstehen, daß die innere und die äußere Kartographie den gleichen kognitiven Habitus ausdrücken, beide stehen im Dienst einer Ausweitung des Sicht- und Operationsfelds. Die anatomischen wie die geographischen Kartographien haben zudem ein wichtiges negatives Merkmal gemeinsam: nämlich daß sie die Anmutungsqualitäten der Körper, ihre Aura, zum Verschwinden bringen – nicht die kulturelle und metaphorische, von der Benjamin sprach, sondern die energetische und reale Aura, die feine Hülle, in der die Körper baden. Atmosphäre heißt ja griechisch zunächst nichts anderes als „Dunstkugel“, und alle lebenden Körper leben in spezifischen, optisch nicht ohne weiters darstellbaren Dunstkugeln. Dasein heißt eine Atmosphäre haben, um es etwas übertreibend zu sagen.


Conventional maps create a view of the world without climate, because they represent a terrain always without atmosphere.

The atmosphere is the big looser of traditional imaging.

Unsere ganze bisherige Bilderpolitik beruhte darauf, daß man die Körper ihrer Atmosphäre entkleidete. Durch den Abzug der Atmosphäre erst wurde es möglich, die Körper auseinanderzuklappen und Ebenen der Sichtbarkeit offen legen, die es so bisher nicht gab und nicht geben konnte. Der Preis für den Vorstoß durch die Oberflächen besteht darin, daß man die feinen Hüllen wegdenken muß. Das erkennt man besonders deutlich an den herkömmlichen Landkarten. Seit jeher erzeugen sie ein klimaloses Weltbild, weil sie immer nur ein Terrain ohne Atmosphäre darstellen können. Das Auge des Geographen schaut von oben auf das Gelände, als ob es keine Luft und keine Wolken darüber gäbe. Man kann zwar mit graphischen Symbolen auf spezielle Fauna-, Flora- und Bodenformationen hinweisen, auch kann man politische Farben verwenden, um zu signalisieren, daß in dem grünlichen Land polnisch und in dem gelblichen Land tschechisch gesprochen wird, aber das ändert an dem primären Befund nichts: Das geographische Objekt wird immer entatmosphärisiert. Bei allen traditionellen Bildverfahren war stets die Atmosphäre die große Verliererin, angefangen mit den Kartenaufnahmen der Kolonialisatoren im 16., 17. und 18. Jahrhundert und endend mit den Magnetresonanzsystemen der Gegenwart. Was diese Verfahren sichtbar vor uns hinstellen, ist ein Körperschnitt minus auratische Hülle. Dabei fällt alles weg, was durch Techniken dieses Typs nicht erfaßt werden kann.

Nichtsdestoweniger darf man nicht behaupten, daß auratische oder atmosphärische Größen gar keinen Anwalt in der Theorie gehabt hätten. Ich möchte daran erinnern, daß Platon bei der Konstruktion des Kosmos darauf geachtet hat – im Timaios kann man das nachlesen – , dem Weltkörper eine Seele, eben die Weltseele, mitzugeben, die diesen nicht nur von allen Seiten durchdringt, sondern auch wie eine Hülle umgibt. Man könnte das als ein Zugeständnis an den atmosphärischen Imperativ verstehen – als hätte Plato zum Ausdruck bringen wollen, daß es auch beim größten Körper, dem Kosmos, ohne Hülle nicht geht. Die Lagebeziehungen zwischen Körper und Seele müssen präzise festgelegt werden. Der Körper soll in der Seele sein, nicht die Seele im Körper – und diese Bedingung wird vom platonischen Weltkörper erfüllt. Wäre es anders, geriete man direkt in eine Metaphysik des Todes, da sich dann die Seele als Gefangene des Körpers verstehen und von postmortaler Befreiung phantasieren müßte, eine Position, die ideengeschichtlich fatalerweise ziemlich breit belegt ist – ausgerechnet durch falsch gelesene platonische Motive. Bei Platon selbst jedoch durchdringt die Weltseele das Kosmosganze so, daß sie auch über den Rand hinausstrahlt, vergleichbar einer Aura oder einer Corona. Der Körper schwimmt in seinem atmosphärischen Überschuß.

Das muß man sich merken, denn jetzt kommen wir auf das Drama zu sprechen, das sich in den heutigen Bildwelten abspielt. An zahlreichen Indizien läßt sich ablesen, wie gegenwärtig die Reduktion des Atmosphärischen mehr und mehr rückgängig gemacht wird. Die zum Verschwinden gebrachten Hüllen melden sich zurück, aus den unterschiedlichsten Motiven und den diversesten technischen und psychologischen Quellenlagen. Was in der herkömmlichen Kartographie ein entbehrliches Surplus gewesen war, wird wieder als Sachverhalt eigenen Rechts sichtbar und erlangt die Würde einer explizit darzustellenden Entität. Das ist, meine ich, ein sehr bedeutender, ein glücklicher Moment in der Geschichte der Sichtbarkeit: Das vormals Unsichtbare, das Atmosphärische, ist heute selbst so weit gekommen, daß man ihm eigene ganz explizite Visualisierungen und Theatralisierungen widmet.


The weather news as greatest form of theatralization of the invisible.


live satelite image (NOAA)

Das Paradigma dafür liefert die Meteorologie, von deren Bedeutsamkeit man sich nicht leicht eine Vorstellung macht. Man hat erst vor rund zweihundert Jahren, in der Goethezeit, mit diesem großen Gespräch über die Luft begonnen, das die Menschheit seither in Atem hält, Goethe selber hat sich übrigens sehr für die Morphologie der Wolken interessiert. Seit wenigen Jahrzehnten haben wir dank Satellitenoptik eine völlig neue Form von bebilderten Wetternachrichten im Fernsehen kennengelernt. Über dieses mediale Genre wäre bei Gelegenheit eigens zu reden. Die tägliche Lagebesprechung über das Klima bedeutet wohl die umfassendste Form der Theatralisierung des Unsichtbaren, die in der Geschichte der Menschheit bisher aufgetreten ist. Bezeichnenderweise haben die Wetternachrichten fast überall, wo man fernsieht, die besten Einschaltquoten. Trotz ihrer garantierten Banalität sind die einzige durchschlagend erfolgreiche Sendung. Man muß aus dieser Tatsache Konsequenzen ziehen. Die Gegenwartskultur hat es so weit gebracht, daß man die aktuellen klimatischen Umstände als Politikum erkennt. Wer jetzt vom Wetter redet, redet über das aktuell Allgemeine. Da wissen alle, nostra res agitur. Wird über eine Kanzlerrede oder ein Zugunglück berichtet, geht das Gespräch bei Tisch sorglos weiter. Kommen die Wetternachrichten, herrscht Schweigen, man hört und sieht zu, jetzt geht es um die Wahrheit der Lage. Der eigene Blick zum Himmel genügt nicht mehr. Man möchte es offiziell bestätigt haben, bevor man glaubt, was man mit eigenen Augen wahrnimmt. Man will das Wolkensystem, das uns bedrückt, von oben sehen. In uns sitzt neuerdings ein Stratege, der die Großwetterlage beurteilt. Da ist ein neuer Anschauungsanspruch herangewachsen. Ich halte ihn für folgenreichen und interpretiere ihn als Symptom einer umfassenden Atmosphärendämmerung. Alles spricht dafür, daß das Zeitalter des Reduktionismus ausklingt. Der ikonische Primitivismus erledigt sich jetzt von selbst.

Bilder sind inzwischen omnipräsent, aber ihre aufsässige Gegenwart bedeutet nicht automatisch Diktatur. Daß die Bilder heute viel weniger herrschaftlich sind als früher, hat vor allem zwei Gründe – zum einen gibt es eine breite Gewaltenteilung im Bilderraum, die verhindert, daß einzelne Ikonen an die Macht kommen, zum anderen macht sich das Gesetz des Komplexität auch bei den Bildern zunehmend geltend. Mit den herkömmlichen starken Vereinfachungen kommt man nicht mehr weiter.

Ich sehe die Sphärendämmerung doch mehr auf der Bildproduktionsseite. Ich denke, daß wir es bei der Imachination insgeheim mit einem bildpolitischen Wandel zu tun haben. Angesichts der komplexen Bildherstellungsverfahren kann heute keiner mehr beanspruchen, daß er alleine diese technischen Herstellungsprozeß überblickt und die Konsequenzen in diesem höchst arbeitsteiligen Prozeß überschauen kann. Die Frage ist also folgende: Ist nicht vielmehr Bildherstellung zu einem kommunikativen Akt geworden, bei dem über eine Bildverarbeitungskette vom Mathematiker bis hin zur Postproduktion gemeinsam an Bildern gearbeitet wird – Kommunikation also als technische Communio in der Maschine?

All in all the world of pictures remains a polycentric field which can’t be controlled by a single hub.

Das ist sicher so. Ich meine aber, man sollte die Frage nach der kollektiven Fabrikation von Bildern jetzt nicht mehr so stellen, wie man sie noch um 1960 oder 1970 gestellt hat, als die Denkform des Verdacht noch einmal richtig hochgekocht ist. Ich gebe zu, ich kann immer weniger anfangen mit dem damals dominierenden neomarxistischen Habitus einer methodischen Paranoia, die so leicht in die existentielle Paranoia übergeht. Die herkömmliche Logik des Argwohns, diese Erblast der mißglückten Französischen Revolution, ist heute überholt, insbesondere dadurch, daß gerade der von Ihnen betonte arbeitsteilige Prozeß Eigengesetzlichkeiten besitzt, über die auch ein böser Herr nicht verfügen könnte. Die Römer kannten die Wendung - Caesar non super grammaticus der Kaiser mag über alles herrschen, nicht über die Grammatikregeln. Bei den Regeln für die Erzeugung von Bildern ist das nicht ganz so eindeutig – aber in der Tendenz gilt das Gleiche. Es gibt natürlich medienpolitisch beachtliche, zum Teil gefährliche Machtzusammenballungen. Trotzdem ist nicht zu verkennen, daß auch ein Medienzar die Syntax und Orthographie der Bildersprache nicht willkürlich verändern kann. Die Bilderwelt insgesamt bleibt ein polyzentrisches Feld, das sich nicht von einem einzigen Zentrum aus handhaben läßt. Die Figur des böswilligen Herren ist da mehr ein Phantasma als eine bestätigbare Erfahrung.

Meine Fragestellung ging eigentlich in eine andere Richtung. Vilèm Flusser hat behauptet, daß heute nicht mehr die Politiker regieren sondern die Informatiker, die die Programme schreiben. Ich gebe mich mit dieser Behauptung nicht zufrieden, weil das voraussetzen würde, daß derjenige, der programmiert, den ganzen Prozeß überschaut.

Ich denke eher, das Selbstverständnis des Bildproduzenten hat sich gewandelt. Wenn Peter Galison einen Elementarteilchenphysiker zitiert, der sagt, „The experimenter is not one person, but a composite.“, so meine ich darin etwas zu sehen, was Ihrem Konzept der atmosphärischen Realitäten entspricht.

Under the conditions of complexity you are condemned to trust: this just implies the functioning of the other parts of the system.

Das mag gut sein. In der Tatsache, daß die Bildermacher von heute Teams sind, die anspruchsvolle Techniken bewältigen, liegt aber gerade einer der Gründe, warum ich meine, daß man mit einer übertriebenen Theorie des Verdachts nicht weiterkommt. Die Paranoia sieht von der Welt nur einen kleinen Ausschnitt. Man weiß natürlich, daß Atmosphären vergiftet werden können, man weiß auch, daß gelegentlich die Lüge an der Macht ist. Trotzdem setzen Teamworks, Hochtechnologien und komplexe Akteursnetze dem Betrug und dem entsprechenden Verdacht zunehmend engere Grenzen. Unter Bedingungen der Komplexität ist man eher zum Vertrauen verdammt – was nur so viel heißt, daß man, was immer auch man selber tut, das Funktionieren der anderen Teilsysteme voraussetzen muß. In einem Universum des gerechtfertigten Mißtrauens müßte man auf Galisons These mit Panik reagieren. Sie würde ja bedeuten, alle fälschen und lügen mit. Ich denke aber, daß dem Mißtrauen nur eine Teilberechtigung zukommt und daß man in den meisten Dingen mit Vertrauen besser fährt. Wenn ich höre, der Experimentator sei selber nur noch ein Element in einer komplexen Situation, die sich selbst observiert, darf ich gelassen bleiben. Das heißt ja nur, daß das meiste mit rechten Dingen zugeht, im Rahmen des Üblichen und Möglichen.
Wäre es anders, stünden einem wirklich ständig die Haare zu Berge. Man müßte alles unter Verdacht stellen, an den Gitterstäben der Matrix rütteln und schreien: Ich will hier raus, wie die gefangenen Seelen im Weltkerker nach gnostischer Überlieferung. Modern übersetzt ergäbe das Maschinenstürmerei und den Fluch auf die Wissenschaften.

Sobald aber die Realität des Atmosphärischen explizit wird, besitzt man ein Instrument, den Übergang von Argwohn zu Vertrauen zu moderieren. Ein leninistischer Rest kann schon ins Spiel kommen: Vertrauen ist gut, Kontrolle besser, wieso auch nicht? Vertrauen ist das Resultat von abgesicherten Erwartungen, und Kontrolle ein Absicherungsmodus unter anderen. Aber sie hat nicht das letzte Wort. Lenin ist nur eine Stimme in dem Streit zwischen den Grundstimmungen Argwohn und Vertrauen.

Sprechen Sie nun nicht von einem Gehlenschen Blindlings-Vertrauen in der Form, daß ich Verantwortung einfach abgebe? Ich meinte ein ganz anderes Bewußtsein, das gerade nicht diese Gehlensche Entlastungsfunktion erfüllt.

Man sollte Gehlens große ökonomische Entdeckung, die er Entlastung nennt, nicht unterschätzen. Ohne sie wären schon die einfachsten Situationen nicht bewältigbar. Wer nicht durch zwanghafte Allkontrolle verrückt werden will, muß immer mit einem atmosphärischen Urvertrauen anfangen. Kein Mensch kann sich sehr lange fragen, ob die Luft im Raum atembar ist oder nicht. Wir müssen einfach mit der Atembarkeitsvermutung beginnen und sehen, wie weit man mit ihr kommt.

Diese Grunddiagnose, daß wir zum Vertrauen verdammt sind, läßt sich vielfach belegen. Durchgehend zeigt sich ein Zusammenhang mit der Emergenz des Atmosphärischen. Seltsamerweise wird man auf die Atmosphäre ja erst durch ihre Zerstörung aufmerksam. Sie ist das Milieu des Urvertrauens, aber das begreifen wir in der Regel erst, wenn sie durch intentionale Angriffe zerstört wird. Dann aber muß das Nachdenken über den Schutz der Atmosphäre konkret werden. Wenn man begriffen hat, wie zerstörbar die subtilen, die atmosphärischen Prämissen des Lebens sind, wird man imstande sein, das Vertrauen mit der Vorsicht richtig zu konfigurieren. Die Erinnerung an das Schlimmste kommt dem Zerbrechlichsten zugute. Wir wissen, was in Auschwitz passiert ist, wir wissen, was in Hiroshima geschah – es ging dabei um Großtötungsaktionen durch Zwangsversetzung von Menschen in unlebbare Umwelten. Der Atmosphärozid ist die typisch moderne Form des Vernichtungskriegs. Doch gerade weil das alles geschehen ist, müssen wir heute das Vertrauen mit den Alarmanlagen kombinieren. Die Menschen sind also mehr denn je auf die Kohabitation mit den Maschinen angewiesen.

Wobei es bei dieser Kohabitation nicht um einen einzelnen Menschen geht, auch nicht um die klassische Relation von Ich und Welt. Das bliebe zu einfach. Man hat es mit vielen Subjekten zu tun, die via Maschinen zu einem großen Komplex amalgamiert werden.

We should speak about agents instead of subjects.

Man sollte diese Subjekte besser Agenten nennen. Wir wollen jetzt ja nicht über ihre ontologischen Eigenschaften reden oder ihre erkenntnistheoretischen Privilegien. Das Subjekt ist – wie Schopenhauer sehr schön sagte – das, was alles erkennt und von keinem erkannt wird. Ein viel zu pathetische Figur im Kontext unserer praktischen Sorgen. Wir denken eher an Agenten, die für ihre Handlungen und Äußerungen kompetent sind. Bei einer solchen Sicht erscheint die Welt von solchen aktiven Figuren bevölkert, die gar nicht anders können, als ständig durch Äußerungen und Handlungen aufeinander einzuwirken. Sofort stellt sich die Frage: welche Rolle spielen dann die von den Agenten erzeugten Bilder bei dem Versuch, ihre Operationen zu koordinieren?

Der Status von Bildlichkeit hat sich in den riesigen wissenschaftlichen Bildkomplexen verändert. Es geht gar nicht mehr um den konventionellen fixen Bildbegriff, sondern um das Bild als Kommunikationsmedium. Dieses performative Etwas befindet sich in ständiger Bewegung. Wegen seiner bloß noch datenförmigen Seinsweise tendiert dieses Etwas zu einer gewissen Ungreifbarkeit. Mediale Grenzen, wie zwischen Text und Bild, lösen sich auf. Die Maschine konstituiert sich aus diesem Prozeß der einzelnen Subjekte und wird zu einem Amalgam.

Deleuze’s agencements are indifferent to the difference man-thing.

Einen ähnlichen Gedanken, scheint mir, hat Deleuze mit der neuen ontologischen Figur des „Gefüges“ ins Gespräch gebracht. Solche agencements sind gegenüber der Differenz Mensch-Ding zunächst ganz indifferent. Sie bilden dynamische Einheiten jenseits von Mensch, Maschine und Umwelt. Auch Bruno Latours Soziologie der epistemologischen Felder geht genau von solchen größeren Einheiten aus. Der Forscher ist gegenüber dem environment – dem Labor, in dem er gerade sitzt, dem Computer, vor dem er schreibt, oder dem Apparat, den er bedient – nicht mehr absolut privilegiert. Er erscheint als ein Agent unter Agenten. In solchen Agentenensembles stellt sich heraus, daß der Mensch-Ding-Gegensatz nicht mehr weiterführt. Aber was sehr wohl weiterführt, ist jeder Beitrag, der hilft, das kommunikative Fluidum besser zu verstehen – womit wir wieder auf die atmosphärologische Dimension zurückkommen. Zwischen der Atmosphärentheorie und der Theorie der Agenten-Ensembles gibt es eine ziemlich starke Resonanz. Die erste scheint eher menschennahe zu sein, die andere eher menschenfern, beide zusammen liefern ein realistischeres Bild der hyperkomplexen Lage.

Eine abschließende Frage: Was ist ihr Lieblingsbild zu Hause?


I don’t have a favourite picture, I have favourite view: the view of my library.

Ach, ich denke, ich habe gar kein Lieblingsbild zu Hause. Doch gibt es für mich einen Lieblingsanblick. Sie sehen, ich komme von dem Unterschied zwischen Bild und Anblick nicht los. Früher war ich ein reiner Kunstästhetiker. Ich bin nun auch ein Stück weit Naturästhetiker geworden und zu dem Schluß gekommen, daß mir Anblicke oft viel lieber sind als Bilder. Das ist nicht so außergewöhnlich, Bazon Brock hat gelegentlich bemerkt, er sieht lieber einen Busen als ein schwarzes Quadrat – und ich gebe zu, meistens geht mir das auch so. Ich lese Brocks Statement als Plädoyer für den Anblick. Ich zum Beispiel liebe vor allem den Anblick meiner Bibliothek, besonders am Abend, wenn ich spät nach Hause komme. Ich lasse meistens das Licht an, um das Gefühl zu haben, ich werde erwartet: Ich mag dieses Umzingeltsein von guten Geistern, vielen Tausenden stiller Berater, die mir ihre Dienste anbieten und mich davon abgesehen in Ruhe lassen.

interview with Tim Otto Roth from 15 February 2005 at ZKM Karlsruhe

Links for Peter Sloterdijk:
Prof. Peter Sloterdijk/ZKM 
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Das philosophische Quartet

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