Der Werkzyklus sterea skia, den Tim Otto Roth unter anderem bei der Projektionsbiennale lichtsicht5 in Bad Rothenfelde, im Goethe Institut in Washington oder zum Bauhausfestival in der Berliner Akademie der Künste gezeigt hat, macht auf eine verborgene Dimension eines stillen oft kaum bemerkten Begleiters aufmerksam: des Schattens. Durch einfachste Interventionen gelingt es dem Konzeptkünstler und Komponisten, eine verborgene Extrovertierheit der oft flach geglaubten Schatten zu entdecken. Schatten werden so förmlich aus der Fläche befreit, um sich dann auf beinahe magische Weise zu dreidimensionalen protovirtuellen Räumen zu erweitern.

Schattentanz 'scarbo pirouettant' in der Ausstellung 'Logische Phantasien', Kunsthalle Jesuitenkirche, Aschaffenburg, 2020
Schattentanz 'scarbo pirouettant' in der Ausstellung 'Logische Phantasien', Kunsthalle Jesuitenkirche, Aschaffenburg, 2020
Eröffnung der lichtsicht5 Projektionsbiennale, Bad Rothenfelde. Die Projektion an der 100 Meter langen Fassade ist durch die Bäume zu sehen.
Eröffnung der lichtsicht5 Projektionsbiennale, Bad Rothenfelde. Die Projektion an der 100 Meter langen Fassade ist durch die Bäume zu sehen.
Detail der salzkristallbesetzten Reisigwand des alten Gradierwerks in Bad Rothenfelde mit Hyperschatten.
Detail der salzkristallbesetzten Reisigwand des alten Gradierwerks in Bad Rothenfelde mit Hyperschatten.
Sterea skia in der Ausstellung 'XX oder der 'Mummelsee in der Pfanne'', Städtische Galerie, Offenburg, Bild: Wilfried Beege
Sterea skia in der Ausstellung 'XX oder der 'Mummelsee in der Pfanne'', Städtische Galerie, Offenburg, Bild: Wilfried Beege
Ausstellungsansicht aus 'Die zweite Natur. Künstlerische Naturreflexionen im digitalen Zeitalter', Haus der elektronischen Künste, Basel, 2016
Ausstellungsansicht aus 'Die zweite Natur. Künstlerische Naturreflexionen im digitalen Zeitalter', Haus der elektronischen Künste, Basel, 2016
Hyperschatten im Rahmen der Ausstellung 'Phenomenological Lightworks', Neme, Limmassol, Zypern, 2017.
Hyperschatten im Rahmen der Ausstellung 'Phenomenological Lightworks', Neme, Limmassol, Zypern, 2017.
Ausstellung 'Light from the Other Side' zeigt neben einer virtuellen Baumlandschaft die Arbeit 'Obstruction', die an eine Arbeit Man Rays erinnert, Goethe Institut Washington, USA, 2017
Ausstellung 'Light from the Other Side' zeigt neben einer virtuellen Baumlandschaft die Arbeit 'Obstruction', die an eine Arbeit Man Rays erinnert, Goethe Institut Washington, USA, 2017
'Sun on Stage' während des Festivals '100 jahre bauhaus', Akademie der Künste, Berlin, 2019
'Sun on Stage' während des Festivals '100 jahre bauhaus', Akademie der Künste, Berlin, 2019
Detail der Schattenoper 'Nymphomania', Herzog Anton Ulrich-Museum, Braunschweig 2022
Detail der Schattenoper 'Nymphomania', Herzog Anton Ulrich-Museum, Braunschweig 2022
Präsentation der Schattenoper 'Nymphomania' im Rahmen der Kulturmeile 2022 am Herzog Anton Ulrich-Museum, Braunschweig
Präsentation der Schattenoper 'Nymphomania' im Rahmen der Kulturmeile 2022 am Herzog Anton Ulrich-Museum, Braunschweig

In den letzten 15 Jahren hat Roth seine Forschung zu diesen emanzipatorischen Schattenmetamorphosen, die er auch als postphotographische Kritik am dominierenden Bildnarrativ der Zentralperspektive versteht, in unterschiedlichen medialen Kontexten konsequent weiterverfolgt und überschreitet dabei immer wieder die Grenzen künstlerischer Disziplinen: Was ursprünglich mit einem analogen stereoskopischen Projektionsexperiment auf Photomaterial begann, komponiert er heute – wie zuletzt in Nymphomania – unter Einbeziehung von architektonischen, tänzerischen und musikalischen Elementen zu einer gesellschaftskritischen Schattenoper, in der der Schatten sprichwörtlich seine Unschuld verliert.

Konzept Mit dem Zyklus sterea skia schreibt Tim Otto Roth den antiken Mythos der Entdeckung der Malerei um, bei dem die Töpferstochter Butades, den Schatten ihres Geliebten mit einem Stift umreißt und somit das erste Bild geschaffen haben soll. Roth hält gleichfalls Schatten fest, jedoch in doppelter Ausführung: So beleuchtet er Gegenstände mit zwei Lichtquellen. Eine ist rot, die andere ist blau und die beiden sind leicht auseinandergerückt. Die dadurch entstehenden sich überlagernden Schattendoubles zeichnen sich je nach räumlicher Konstellation durch unterschiedlich breite rote und blaue Ränder aus. Mit einer Rot-Blau-Brille betrachtet geschieht ein kleines Wunder: Die Stereo-Schatten lösen sich von der zweidimensionalen Bildebene und klappen entweder vor oder hinter die Bildebene und entwickeln so ihr räumliches Eigenleben. Diese anaglyphische Verfahren gibt dem Zyklus auch seinen Namen: Skia steht im Griechischen für den Schatten, während sterea räumlich bedeutet.


analog & digital – von der photochemischen zur virtuellen Spur Bei sterea skia handelt es sich um ein besonderes stereoskopisches Verfahren, das nicht das Aufsichtsbild von Körpern festhält, sondern lediglich deren doppelte Schatten, die diese auf eine Fläche werfen. Das einfache, aber faszinierende anaglyphische Verfahren wendet Roth ganz analog an und beleuchtet Objekte mit roten und blauen Lichtquellen in Installationen oder hält deren Doppelschatten in der Dunkelkammer direkt ohne Kamera auf lichtempfindlichem Material wie z.B. Polaroids oder Planfilm fest. Der Einsatz hingegen von computerbasierten 3D-Verfahren erlaubt es nicht nur mit digitalen Animationen Geschichten zu erzählen, sondern es lassen sich nun aufwendige Schattenszenarien inszenieren, die sich so z.B. physikalisch in einem Ausstellungskontext oder auf einer realen Theaterbühne nicht realisieren ließen.

Schattenwelten Tim Otto Roth hat die vielfältigen Möglichkeiten, die das sterea skia-Verfahren bietet, in ganz unterschiedlichen Auftragsarbeiten ausgelotet. Hat er für die Projektionsbiennale lichtsicht5 einen Straßenzug in Bad Rothenfelde nachgebaut, so gestaltete er 2018 für das Bauhaus Festival in der Akademie der Künste in Berlin eine imaginäre Bühne mit einem subtilen Schattenspiel mit bekannten Bauhausmotiven. Im Wallraf-Richartz-Museum baute er die Figuren aus einem frühneuzeitlichen Kupferstich zum Platonischen Höhlengleichnis als kleine Plastiken nach und ließ diese in einem Miniaturschattentheater ihre Runden drehen. Für das Herzog Anton Ulrich-Museum in Braunschweig hat er mit Nymphomania eine Schattenoper entwickelt, in der eine barocke Bronzeplastik zum Mittelpunkt einer geschlechterkritischen Auseinandersetzung mit der Erzählung zu Daphne und Apollo aus Ovids Metamorphosen wurde.

Schattentänze Tanz spielt immer wieder eine zentrale Rolle in der Erschließung der Schattenräume mittels durchchoreographierter Bewegungsalbläufe. Am radikalsten ist die Wendung bei Scarbo, bei der die Betrachtenden von unten in 18 Metern Höhe drei Figuren in den Kirchengewölben erleben. Hierfür müssen die Bewegungsabläufe räumlich neu gedacht werden – nicht horizontal in die Tiefe des Bühnenraumes, sondern als vertikales Spiel mit Ferne und Nähe zum Boden.


Für diese äußerst anspruchsvollen animierten Schattentänze arbeitet Roth mit der ehemaligen Solistin des Münchner Staatsballetts Zuzana Zahradníková zusammen, die sowohl über ein modernes, klassisches aber auch barockes Tanzrepertoire verfügt. Die Choreographien werden im Studio vorab über Motion Tracking aufgezeichnet, um dann beispielsweise Figuren, wie z.B. einer barocken Bronzeskulptur sprichwörtlich zu animieren. Sei es Maurice Ravels Gaspard de la Nuit (1908) oder eine eigene Bearbeitung von Marco da Gaglianos Oper La Dafne (1608) in der Verbindung von Musik, Bewegung und Narration entwickeln diese tanzenden Schattenwelten eine ganz eigene Ästhetik, die die Betrachter:innen in unbekannte Welten entführt.

Gedankenexperiment Das Phänomen Schatten hat Künstler:innen immer wieder inspiriert. Wer kennt nicht Adelbert von Chamisso Novelle, in der Peter Schlemihl seinen Schatten verkauft. Angeregt ist der Zyklus sterea skia nicht von der Frage, wie ein Mensch ohne Schatten wahrgenommen wird, sondern von einem doppelten Gedankenspiel: Es verbindet die Leibniz'schen Überlegungen zu einer Drôle de l'Ombre mit dem Gedankenspiel, wie sich unsere alltägliche Wahrnehmung verändern würde, wenn wir selbst aber auch die Welt um uns herum einen Doppelschatten werfen würden. Das könnte z.B. der Fall sein, wenn die Erde nicht von einer, sondern von zwei verschiedenfarbigen Sonnen beschienen würde. Das ist gar nicht so unwahrscheinlich, besteht doch die überwiegende Zahl an Sonnensystemen aus mehreren Sternen. Sterea skia animiert so dazu, einen neuen Blick auf die vermeintlich bekannten, uns alltäglich umgebenden Schatten zu werfen, die unter astrophysikalischem Gesichtspunkt die große Ausnahme darstellen.

Doppelsternsystem SS Leporis aufgenommen vom VLT Interferometer am Paranal Observatorium in Chile. Credit: ESO/PIONIER/IPAG