Nymphomania. Eine anaglyphische Schattenoper in 9 Szenen (2022) Die Auftragsarbeit für das Herzog Anton Ulrich-Museum in Braunschweig reagiert künstlerisch auf die Sammlung dieses ‚Louvre des Nordens' und setzt sich kritisch mit Geschlechterbildern in klassischen Kunstwerken auseinander. Das Ergebnis dieser Reflexion wurde in Form einer eigens geschaffenen Großprojektion von 4,50 auf 8 Metern auf der Parkseite des Museums nach außen getragen. Charaktere aus Ovids Metamorphosen treten dort als überdimensionaler Schattenreigen in Erscheinung. Daphne und Apollo, die von einer Bronzeplastik der Sammlung entlehnten wurden, bewegen sich mit Amor teils extrem verlangsamt zu den sich polyphon schichtenden Klängen von bis zu fünf Stimmen, die mit dem zum Weinen auffordernden Ruf Piangete wehklagend das Schicksal der sexuell bedrängten Nymphe Daphne schildern.


ⓘ Video 1080p, 10:06 Min., 2-Kanal-Ton

Sexuelle Übergriffe bei den alten Meistern Der ambivalente, bewusst nicht personalisierte Titel Nymphomania verweist auf ein Kapitel der Musik- und Kunstgeschichte, das Tim Otto Roth bei seinem ersten Besuch des Herzog August Ulrich-Museum förmlich in die Augen stach. Nicht nur in bestimmten Gemälden, sondern auch in Skulpturen der Sammlung zeigt sich, dass die klassische Kunstgeschichte nicht ausschließlich, aber immer wieder auch eine Geschichte der Ästhetisierung und Glorifizierung sexueller Übergriffe ist.

Bronzene Pein Auch die dem Franzosen Francois Lespignola (1644–1705) zugeschriebene Bronzeplastik Daphne und Apollo aus der Sammlung des Herzog August Ulrich-Museum ist in dieser Tradition zu sehen. In dem antiken Mythos wird nach einem Streit mit Amor Apollo von einem goldenen Pfeil getroffen. Die Bronze greift auf, wie der von sexueller Begierde getriebene Apollo die kaum bekleidete Nymphe verfolgt, deren Hände sich bereits in Zweige zu verwandeln beginnen. Denn ihr Vater, der Flussgott Peneios, weiß sich nicht anders zu helfen, als seine Tochter in einen Lorbeerbaum zu verwandeln, um sie vor dem Übergriff zu schützen. Parallel zur Projektion im Park wurde die Originalskulptur im Foyer des Apolls mit einem rot-blauen Beleuchtungskonzept in Szene gesetzt.

Premiere am Herzog Anton Ulrich-Museum in Braunschweig. Durch die Intervention von Tim Otto Roth wurde erstmals an dieser Stelle eine Projektionsfläche als Schnittstelle zum Park geschaffen.
Premiere am Herzog Anton Ulrich-Museum in Braunschweig. Durch die Intervention von Tim Otto Roth wurde erstmals an dieser Stelle eine Projektionsfläche als Schnittstelle zum Park geschaffen.
Im 'Foyer des Apoll' hat Tim Otto Roth die Bronzeskulptur und die Nachbildung des 'Apoll von Belvedere' anaglyphisch mit rotem und blauem Licht illuminiert.
Im 'Foyer des Apoll' hat Tim Otto Roth die Bronzeskulptur und die Nachbildung des 'Apoll von Belvedere' anaglyphisch mit rotem und blauem Licht illuminiert.
Impressionen von der Produktion: Gemeinsam mit der ehemaligen Solo-Tänzerin des Münchner Staatsballetts Zuzana Zahradníková erarbeitet Tim Otto Roth die Tanzszenen.
Impressionen von der Produktion: Gemeinsam mit der ehemaligen Solo-Tänzerin des Münchner Staatsballetts Zuzana Zahradníková erarbeitet Tim Otto Roth die Tanzszenen.
Daphne auf der Flucht vor Apollo ist eine der zentralen Szenen der Schattenoper.
Daphne auf der Flucht vor Apollo ist eine der zentralen Szenen der Schattenoper.
Erste Szene der Schattenmetamorphose: Die Nymphe Syrinx im Schilf.
Erste Szene der Schattenmetamorphose: Die Nymphe Syrinx im Schilf.
Der Kampf des Apollo mit dem Ungeheuer Python macht ihn nicht nur zum Beschützer der Hirten, sondern löst auch den folgenschweren Streit mit Amor aus.
Der Kampf des Apollo mit dem Ungeheuer Python macht ihn nicht nur zum Beschützer der Hirten, sondern löst auch den folgenschweren Streit mit Amor aus.

Eine wirbelnde Schattenchoreographie Nymphomania arbeitet auf der Raum- und Zeitebene formal mit zwei zentralen Stilelementen: Rotation und Verlangsamung. Ausgehend von der ersten komplett erhaltenen Oper – Marco da Gaglianos La Dafne (Uraufführung 1608) – gestaltet Tim Otto Roth eine Szenenfolge, die die Geschichte als in den Bewegungen extrem verlangsamte Schattenchoreographie zeigt. Die langsamen Bewegungsabläufe wurden möglich, indem bei der Choreographierung des Tanzes die Abspielgeschwindigkeit der Musik verdoppelt und im Anschluss die mittels Trackinganzug aufgezeichneten Bewegungen um die Hälfte verlangsamt wurden. Die Tänzerin Zuzana Zahradníková tanzt sowohl Daphne als auch den korrespondierenden Apollo mit einem modernen und teils barocken Bewegungsrepertoire.
Der Großteil der Handlung spielt sich auf einer rotierenden virtuellen Bühne ab. Auf diese Weise verändern sich die räumlichen Konstellationen der Darsteller und damit auch das durch Scheinwerfer oder eine künstliche Sonne erzeugte perspektivische Schattenspiel kontinuierlich. Nur die Intermezzi zeigen die flüchtende Daphne, die aus großer Entfernung auf die Projektionsfläche zuläuft.

Spiel mit dem musikalischen Metrum Mit einer Verlangsamung als retardierendem Moment setzt Roth ebenfalls bei der Musik an. Eine madrigalartige Partie aus der sechsten Szene aus der Partitur von Marco da Gagliano wurden von Roth arrangiert und mit dem langsamen Tempo von 48 Schlägen pro Minuten u.a. mit Sänger:innen und einem Streichinstrumentalisten eingespielt. Die Abspielgeschwindigkeit variiert in den einzelnen Szenen und wird um bis zu 25 Prozent verlangsamt. Die Verlangsamung der Abspielgeschwindigkeit erzeugt ein leichtes Vibrieren in den polyphon sich schichtenden Stimmen. Die zweite Stimme des Chors wurde um eine Quarte höher eingespielt und erklingt durch die computerbearbeitete Verlangsamung in ihrer ursprünglichen Höhe. Diese Stimmen erhalten so ein eigenes Timbre, das in Kombination mit der Verlangsamung dem frühneuzeitlichen Stück eine besondere Note verleiht. Neben der bearbeiteten Originalpartitur arbeitet Roth mit einem elektroakustischen Einsprengsel: In der extrem verlangsamten Aufnahme aus der holzverarbeitenden Schwarzwälder Industrie, das an ein tiefes, röchelndes Atmen erinnert, findet er ein Äquivalent für die gerettete, aber ihrer Gestalt beraubten Daphne.

Team

Idee, musikalische Bearbeitung und künstlerische Umsetzung: Tim Otto Roth
Tanz: Zuzana Zahradníková (Syrinx, Daphne, Apollo), Lowen Größle (Amor)
Gesang: Svea Schildknecht (Sopran), Neal Banerjee (Tenor)
Instrumentierung: Gambe, Theorbe (beide elektronisch), 'Violinbaß' Jonah Größle
ⓘ Video 1080p, 10:06 Min., 2-Kanal-Ton

Ausstellungshistorie

18. September 2022, 20 Uhr, Kulturmeile Herzog Anton Ulrich-Museum, Braunschweig