Reminiszenzen – von Ovid zum Bauhaus Viele der sterea skia Werke entstanden als Auftragswerke für Museen und Festivals. Verbunden mit der mehr oder weniger impliziten Einladung sich mit Werken von Sammlungen oder bestimmten Themen näher zu beschäftigen, entstanden Arbeiten mit einem breitgefächertes epochen- und medienübergreifendes Geflecht an kulturgeschichtlichen Bezügen zu Literatur, Kunst und Musik – oft in Bezug zur Architektur der jeweiligen Orte. Immer wieder tauchen Figuren aus den Ovid'schen Metamorphosen auf, manieristische Motiv aus dem 17. Jahrhundert wie von Jan Saenredam oder Giovanni Battista Bracelli werden aufgegriffen und mit künstlerischen Ansätzen der Moderne in Verbindung gebracht. Der musikalische Bogen wird ferner breit gespannt – vom reinszenierten polyphonen frühneuzeitlichen Gesang bis hin zu zeitgenössischen elektroakustischen Klängen. Dabei dienen die Schatten nicht dazu, um Erzählungen mit einem anderen Stilmittel schlicht neu aufzuladen, sondern vielmehr dazu mit den Narrativen zu spielen und mit diesen immer wieder auf teils überraschende Weise zu brechen.
Sun on Stage (2019) Das Bauhaus gilt in seiner einmaligen Verbindung von Kunst, Architektur und Design auch heute noch als Vorreiter unter den Kunstschulen.
ⓘ 2-Kanal-Video 1080p, ca. 13:40 Min., partieller 2-Kanalton
Inspiriert durch diesen gestalterischen Pioniergeist verarbeitet Roth für 100 jahre bauhaus. Das Eröffnungsfestival an der Akademie der Künste Berlin verschiedene künstlerische Ansätze auf einer virtuellen Schattenbühne und entwickelt für diese das in sieben motivische Sätze gegliederte Werk Sun on Stage. Diese Reinszenierung macht sich hierbei für eine Schattenart stark, die bei all der Euphorie für das künstliche Licht, wie sie auch am Bauhaus herrschte, in der Neuzeit zusehends aus dem Blick geriet: das natürliche Licht der Sonne. Aufwendige Computerrenderings ermöglichen es erstmals dieses besondere Licht mit seinem parallelen Strahlengang gestalterisch einzusetzen. Die 3 mal 10,50 Meter große Projektion lädt so Besucher:innen nicht nur dazu ein, zentrale Motive des Bauhauses im Schattengewand neu zu entdecken. Zugleich gilt es die ganz andere Form der Perspektive im Licht der künstlichen Sonne zu erkunden.
In 'En Marche' marschieren die Schatten von Oskar Schlemmers Stabtänzern im Gleichschritt durch Scheinwerfer- und Sonnenlicht.
IIm 'Schattenräderwerk' werden die Schatten eines gelochten Metallblechs aus Moholy-Nagys kinetischer Skulptur 'Lichtrequisit für elektrische Bühne' aufgegriffen.
Moholy-Nagy's 'Lichtrequisit für elektronische Bühne' wurde von der Kuratorin Bettina Wagner-Bergelt in unmittelbarer Nähe präsentiert.
In einer Adaption von Hans Richters ‚Rhythmus 21' entpuppen sich nach einer Minute die sich bewegenden Flächen als projizierte Schatten von geometrischen Körpern.
Eine Anspielung auf den Biologismus: Bei ‚We are all donuts' wird ein überdimensionaler Torus mit einer unregelmäßigen organischen Wabenstruktur in Rotation versetzt.
In Anspielung auf Oskar Schlemmer durchleuchten von der Seite kommenden zwei Scheinwerferkegel eine skizzenhafte Kulisse einer Guckkastenbühne und bewegen sich auf Amor zu, in dessen Hand sich eine Schlange windet.
Selbstorganisation, mit der sich Roth immer wieder beschäftigt, liegt 'MaSo shadow' zugrunde. Die Einheiten, die sich als sich drehende Würfel entpuppen, ändern ihre Farbigkeit in Abhängigkeit von der Farbe ihrer Nachbarn.
Bei 'Okeanus' wirft ein Gittermodell einer Meeresoberfläche Schatten, deren allmählich immer dicker werdende Gitterlinien aus dem weißen Nichts zum Vorschein treten und schließlich sich im Schwarz verlieren.
Skiasophische Wende Das von Tim Otto Roth als Auftragsarbeit für das Eröffnungsfestival entwickelte Schattentheater greift Anregungen der Bauhausästhetik auf und verleiht unterschiedlichen Konzepten aus der Zeit durch ein schatten-morphotisches Raumspiel eine gänzlich neue Dimension. Zahlreiche Anspielungen sind auszumachen wie zu Ludwig Hirschfeld-Macks Farblichtspiel, zu Kandinskys Überlegungen zu Punkt und Linie zur Fläche, zu Oskar Schlemmers Bühnenraumkonzept, das die klassische Guckkastenbühne kritisch reflektiert, oder Moholy-Nagys Lichtrequisit für elektronische Bühne (später auch als "Licht-Raum-Modulator" bezeichnet). Die dynamischen abstrakten Flächen in Hans Richters Film Rhythmus 21 nehmen eine überraschende 'skiasophische' räumliche Wende. Im Spiel mit vierdimensionalen Körper, wie dem Hyperwürfel, klingen aber auch die theoretischen Überlegungen eines Theo van Doesburg an. Immer wieder werden die Szenen ironisch gebrochen, nicht nur durch die Darstellung als Schatten, sondern auch durch gezieltes Einschmugglen bauhausfremder Motive und die partiellen klanglichen Untermalungen, in denen u.a. das Maschieren paramilitärischer Verbände bedrohlich widerhallt.
Eine Auftragsarbeit für 100 jahre bauhaus. Das Festival
Künstlerische Leitung: Bettina Wagner-Bergelt
Obstruction (2016)
Mit der Videoarbeit präsentiert Tim Otto Roth in der Ausstellung Light from the Other Side im Forum des Goethe Instituts in Washington erstmals eine Arbeit, bei der er sich mit einer Installation schattenbildnerisch auseinandergesetzt hat.
ⓘ Video 1080p, 2:13 min. (Dauerloop), ohne Ton
Bei dieser Hommage an den Künstler Man Ray hat er dessen Mobile Obstruction von 1920, das aus ineinander hängenden Kleiderbügeln besteht, virtuell nachgebaut. Die Schatten des Mobiles beginnnen nicht nur langsam sich zu drehen, sondern treten durch das besondere Verfahren zum Greifen nahe in den Raum.
Dr. Wendy Grossmann (rechts), die die Eröffnungsrede zur Ausstellung in Washington hielt, konstatierte, dass Tim Otto Roth mit seiner Schatteninterpretation von Obstruction die Ideen Man Rays konsequent für das 21.Jahrhunderts fortentwickelt.
Ausstellungshistorie
Sun on Stage
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100 jahre bauhaus. Das Eröffnungsfestival, Akademie der Künste, Berlin 16.–24.01.2019
Obstruction
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Light from the Other Side. Shadowgraphs by Tim Otto Roth, Goethe Institut, Washington (US), 09.11.2016–13.01.2017