Scarbo pirouettant (2019) Anlässlich der umfassenden Einzelausstellung Logische Phantasien drehen sich im Frühjahr 2020 Figurinen in drei kreisrunden Projektionen in die Deckengewölbe des ehemaligen Sakralbaus der Kunsthalle Jesuitenkirche Aschaffenburg. Beim näheren Blick auf die ephemeren Figuren stellt sich heraus, dass es sich hierbei um einen beinahe barocken Illusionismus handelt: Nicht die Figurinen selbst drehen sich im Gewölbe achtzehn Meter über den Köpfen der Besucher, sondern lediglich deren Schatten, die sich mit einer rot-blau-Brille betrachtet, von der Decke lösen und ihre Bewegungen in den Raum hinein vollführen.
Making-of: Scarbo
Scarbo
Logische Phantasien
Gaspard de la Nuit – Bertrand, Ravel & Schad Zu den Klängen des dritten Satz Scarbo aus Ravels Klavierwerk Gaspard de la Nuit in der expressiven Interpretation von Igor Pogorelich aus den 1980er Jahren hat Tim Otto Roth gemeinsam mit der ehemaligen Solistin des Münchner Staatsballetts Zuzana Zahradníková eng angelehnt an die verschiedenen Motive der Partitur eine Choreographie entwickelt, die nicht nur den Schatten des Kobolds Scarbo durch die Gewölbe wirbeln lässt. Ein wesentlicher künstlerischer Bezugspunkt ist auch das schattenbildnerische Oeuvre von Christian Schad, dem in unmittelbarer Nachbarschaft ein eigenes Museum gewidmet wurde. Wie Maurice Ravel wurde er auch von dem postum erschienen Prosagedichtband Gaspard de la Nuit von Aloysius Bertrand (1807–1841) inspiriert. In den 1960- und 70-er Jahren widmete er diesen Fantasiestücke in Rembrandts und Callots Manier ein ganzes Album mit späten Schadographien – Schattenaufnahmen von mehr oder weniger alltäglichen Objekten, die er des Nachts in der Dunkelheit seines Studio direkt auf Photopapier festhielt.
Der Kobold im Computertomographen Mit einer Figur aus zerknüllter Folie, die Schad für den Scarbo schuf, wurde eines dieser Objekte für eine der Deckenprojektionen reaktiviert. Mit Hilfe von Prof. Jörg Laubenberg wurde die fragile Figur in der Radiologie des Ortenau Klinikums mit einem Computertomographen digitalisiert, um dann als Modell mit den Bewegungen der Tänzerin animiert werden zu können. Hierzu trug Zahradníková bei den Proben in der Münchner Heinz-Bosl-Stiftung einen Motion Capture Anzug. Im 3D-Programm Blender wurden die Bewegungsdaten auf die insgesamt drei Figurenmodelle übertragen, um anschließend im virtuellen Lichtkegel mittels des Raytracing-Verfahren äußerst rechenintensiv die Schatten zu rendern.
Drei Figuren – drei Tanzkonzepte Die Figuren haben aber nicht nur ein charakteristisches Aussehen, sondern verfügen auch über ihre eigene Formensprache: In der mittleren kreisrunden Projektion läßt Zahradníková eine Gliederpuppe, die Christian Schad in den 1930er Jahren verwendetet hatte, ein Geflecht weben, hinter dem die Figur immer mehr verschwindet. Für eine weitere Projektion hat Roth gemeinsam mit der Tänzerin für eine manieristische Ringfigur, die einem Stich von Giovanni Battista Braccelli entlehnt wurde, ein klassisches Repertoire choreographiert. Der transparenten Folienfigur Schads liegt hingegen ein moderner Tanz zugrunde.
Tänzerischer Perspektivwechsel Das tänzerische Geschehen dreht sich bei der Präsentation in den Kirchengewölben um 90 Grad: Ist normalerweise der Blick auf das bühnenartige Tanzgeschehen ein horizontaler, so dreht sich bei Scarbo pirouettant die Aufmerksamkeit in die Vertikale. Der damit einhergende Fokus auf den projizierten Schatten auf den Boden bedeutet eine völlig neue Erfahrung und auch ein Umdenken für die erfahrene Tänzerin Zahradníková, die bislang bei den Proben der Blick in die Spiegelwand gewohnt war. Es ist aber auch ein Turnaround für den Besucher, der den Schattentanz in der Kunsthalle Jesuitenkirche liegend in Sitzkissen erleben kann.
Eine originale Gliederpuppe aus dem Archiv von Christian Schad dreht sich vor einer rot-blauen Lichtquelle und wirft einen Doppelschatten.
Zuzana Zahradníková tanzt 'scarbo piroutant' zur Ausstellungseröffnung am 6. März 2020 in der Kunsthalle Jesuitenkirche, Aschaffenburg.
Sitzkissen boten die Gelegenheit, das anaglyphische Schattenspiel in den Deckengewölben in 18 Metern Höhe sitzend oder gar liegend zu erleben.
Für 'Scarbo' wurde die Folienfigur als Computermodell animiert. In der Ausstellung wurde das Original korrespondierend mit der Deckenprojektion präsentiert. Credit: Stefan Stark.
Die Tänzerin Zuzanna Zahradníková bei Proben für 'Scarbo' in der Heinz Bosl Stiftung München. Mittels Trackinganzug wurden die Bewegungen zur Animation des Computermodel aufgezeichnet.
Die originale Folienfigur von Christian Schad empfängt mit einem Doppelschatten gleich am Eingang der Ausstellung. Credit: Stefan Stark.
Besucher blicken von der Empore als Schlusspunkt der Ausstellung in den barocken Kirchenraum.
Skiagraphische Inszenierung der OriginalobjekteScarbo pirouettant ist während der Ausstellungszeit im Wechselspiel mit der Wasserorgel aura calculata alle halbe Stunde zu erleben. Aber auch die beiden Figuren aus dem Fundus von Christian Schad, die zum Tanzen animiert wurden, können im Original erlebt werden. So empfängt bereits im Eingang die kleine, transparente Folienfigur die Besucher*innen, die einen blauroten Doppelschatten an die Wand wirft. Die Gliederpuppe, die sich in einer Vitrine vor einer rot-blauen Lichtquelle dreht, bildet auf der Empore den Abschluss der Ausstellung.
Der Aussstellungskatalog, aber auch eine Filmdokumentation zeichnen das bislang aufwendigste Projekt aus dem sterea skia-Zyklus nach.
Gesamtkonzeption und Choreograhie: Tim Otto Roth, imachination labs
Tanz: Zuzana Zahradníková
Photographie: Stefan Stark PhotoProduction
Kamera/Schnitt: Miriam Seidler & Tim Otto Roth, imachination labs
Musik: dritter Satz aus Maurice Ravels 'Gaspard de la Nuit'
Klavierinterpretation: Ivo Pogorelich (1984)
ⓘ 3-Kanal-Video 1080p, 9:30 Min., 2-Kanal-Ton